Was bedeutet RT60?
RT60 (Reverberation Time 60) bezeichnet die Nachhallzeit eines Raumes. Sie gibt an, wie lange es dauert, bis der Schalldruckpegel nach dem Abschalten einer Schallquelle um 60 dB abgefallen ist. Ein Beispiel: Wird in einem Raum ein kurzer, lauter Schall erzeugt und beträgt die RT60 0,6 Sekunden, dann ist der Schallpegel nach 0,6 Sekunden um 60 dB abgefallen.
- Kurze RT60: trockene, gedämpfte Akustik, meist gute Sprachverständlichkeit.
- Lange RT60: hallige, reflektierende Akustik, häufig schlechtere Sprachverständlichkeit.
Wichtig: Eine möglichst kurze Nachhallzeit ist nicht immer optimal. Der ideale Wert hängt von Raumgröße und Nutzung ab.
Welche RT60-Werte sind gut oder kritisch?
Die folgende Bewertung gilt als praxisorientierte Orientierung für kleine bis mittelgroße Räume, in denen hauptsächlich gesprochen wird, beispielsweise Besprechungsräume, Schulungsräume und Konferenzräume.
| RT60 |
Bewertung |
Wirkung |
| < 0,2 s |
sehr trocken |
wenig räumlicher Klang, teilweise unnatürlich |
| 0,2 - 0,3 s |
sehr gut für spezielle Anwendungen |
stark kontrolliert, z.B. in einem Studio |
| 0,3 - 0,5 s |
sehr gut |
hohe Sprachverständlichkeit, ideal für Videokonferenzen |
| 0,5 - 0,7 s |
gut |
angenehm für viele Gesprächs- und Schulungsräume |
| 0,7 - 1,0 s |
grenzwertig |
Nachhall zunehmend wahrnehmbar |
| 1,0 - 1,5 s |
kritisch |
Sprache kann verwaschen klingen |
| > 1,5 s |
sehr kritisch |
für kleine Sprachräume meist deutlich zu hallig |
Dies sind keine universellen Normgrenzen. In großen Sälen können 1,0 Sekunden oder mehr durchaus angemessen sein.
Typische RT60-Zielwerte nach Raumtyp
| Raumtyp |
Typischer Zielbereich |
| Tonstudio / Regieraum |
0,2 - 0,4 s |
| Videokonferenzraum |
0,3 - 0,5 s |
| Besprechungsraum |
0,4 - 0,6 s |
| Klassenzimmer |
0,4 - 0,7 s |
| Enzelbüro |
0,4 - 0,8 s |
| Hörsaal / Vortragssaal |
0,7 - 1,2 s |
| Konzertsaal |
1,5 - 2,2 s |
| hroße Kirche / Kathedrale |
2,0 - 8,0 s |
Die Werte sind typische Planungsorientierungen und abhängig von Raumgröße, Nutzung und Besetzung.
In Deutschland sind insbesondere die DIN 18041 für die Hörsamkeit in Räumen und die ASR A3.7 für Arbeitsstätten relevant. Beispielsweise nennt die ASR A3.7 für bestimmte Büroräume folgende maximalen Nachhallzeiten im unbesetzten Zustand, jeweils in den Oktavbändern von 250 bis 2.000 Hz:
| Raum |
Maximalwert |
| Callcenter |
0,5 s |
| Mehrpersonen- / Großraumbüro |
0,6 s |
| Ein- / Zweipersonenbüro |
0,8 s |
Wie wird RT60 gemessen?
Für eine zuverlässige Messung benötigt man ein Messmikrofon, eine geeignete Schallquelle und eine Software zur Auswertung der Raumimpulsantwort.
Typischer Messaufbau
Direktschall und Reflexionen werden mit dem Messmikrofon erfasst.
Messablauf in der Praxis
1. Messmikrofon aufstellen: Beispielsweise ein kalibriertes USB-Messmikrofon in Ohrhöhe an einer typischen Hörposition platzieren.
2. Testsignal erzeugen: Über einen Lautsprecher wird ein Sinus-Sweep oder ein anderes geeignetes Messsignal wiedergegeben.
3. Impulsantwort erfassen: Das Mikrofon zeichnet den Direktschall und sämtliche Reflexionen auf.
4. Abklingkurve auswerten: Die Messsoftware ermittelt, wie schnell die Schallenergie abnimmt.
5. Messung wiederholen: Mehrere Mikrofon- und Lautsprecherpositionen liefern repräsentativere Ergebnisse für den gesamten Raum.
Für die Auswertung kommen beispielsweise Room EQ Wizard (REW), Smaart, ARTA oder professionelle Akustikmessgeräte von NTi Audio infrage.
RT60, T20 und T30 – was ist der Unterschied?
Eine tatsächliche Pegelabnahme um 60 dB ist in normalen Räumen wegen des Hintergrundgeräuschs oft nicht vollständig messbar. Daher wird die Nachhallzeit üblicherweise aus einem kürzeren Pegelbereich hochgerechnet.
| Messgröße |
Ausgewerteter Pegelabfall |
Hochrechnung |
| T20 |
-5 bis -25 dB |
Messzeit x 3 |
| T30 |
-5 bis -35 dB |
Messzeit x 2 |
| EDT |
0 bis -10 dB |
Messzeit x 6 |
Rechenbeispiel: Dauert der Pegelabfall von −5 auf −25 dB genau 0,2 Sekunden, ergibt sich:

Das entspricht einer geschätzten RT60 von 0,6 Sekunden.
Warum muss RT60 frequenzabhängig betrachtet werden?
RT60 ist nicht automatisch ein einzelner Wert für den gesamten Raum. Typischerweise wird die Nachhallzeit in Oktavbändern ausgewertet:
Beispiel einer fiktiven RT60-Messung

Beispielwerte, keine reale Messung
Der Raum ist im Mittel- und Hochtonbereich gut gedämpft. Im Tieftonbereich klingt er deutlich länger nach. Ein Raum kann also bei 1.000 Hz eine gute Nachhallzeit von 0,46 Sekunden haben, bei 125 Hz aber immer noch 1,1 Sekunden nachhallen. Ein einziger Durchschnittswert würde dieses Problem verschleiern. Bei der professionellen Auswertung nach DIN EN ISO 3382 werden deshalb frequenzabhängige Nachhallzeiten betrachtet.
Praxisempfehlung für Sprachbeschallung
Wenn du einen Konferenzraum, Besprechungsraum oder Schulungsraum mit Mikrofonen und Lautsprechern planst, würde ich als erste Zielorientierung ansetzen:
Sehr guter Zielbereich • 0,3–0,5 s
Noch oft gut nutzbar • 0,5–0,7 s
Bei Werten über etwa 0,8 bis 1,0 Sekunden sollte man in kleineren Sprachräumen prüfen, ob raumakustische Maßnahmen notwendig sind. Eine gute RT60 ist außerdem nicht gleichbedeutend mit perfekter Sprachverständlichkeit. Für die Bewertung einer Beschallungsanlage ist zusätzlich der STI (Speech Transmission Index) wichtig. Er berücksichtigt weitere Faktoren, insbesondere Störungen der Sprachübertragung durch Nachhall und Geräusche.